Verfasst von: [aapa] | 8. Mai 2010

Zum 8. Mai: Von vergessenen Morden in Passau, gegenwärtiger Geschichtsverdrehung und aktueller Neonazi-Gewalt

von der Antifaschistischen Aktion Passau [aapa] am 08. Mai 2010 – als pdf

„Mannichl“ ist jeder_m ein Begriff. Von einer „neuen Dimension rechter Gewalt“ war die Rede. Wenn ein Polizeichef niedergestochen wird, macht das weltweit Schlagzeilen. Dass Nazis nahezu täglich Menschen lebensgefährlich verletzen juckt hingegen fast niemenschden: Am 28. April prügelt ein Neonazi in Nürnberg einen Menschen ins Koma. Dieser musste mehrfach reanimiert werden und überlebte nur knapp. Neonazi-Gewalt wird unterschätzt!

Und so reiht sich dieser grausame Übergriff doch nur ein in die Reihe aktueller Nazi-Übergriffe, die in den letzten wenigen Monaten in Bayern und darüber hinaus zur Tagesordnung geworden sind. Das Scheitern des Neonazi-Großevents im Februar in Dresden hat nicht nur zur neuen Mode, antifaschistische Kundgebungen zu attackieren (zB am Aschermittwoch in Buchhofen oder im April in Braunau) geführt, sondern auch die Zahl gewalttätiger Übergriffe von Neonazis auf Andersdenkende ist enorm gestiegen. Im Raum Fürth gibt es kaum eine_N Antifaschist_In, die/der noch nicht Opfer eines Nazi-Übergriffs wurde, aber auch in Niederbayern, in Straubing, wurden Antifaschist_Innen auf offener Straße von Neonazis gewaltsam angegriffen. Einher geht dies mit einem so rasant nie da gewesenen Erstarken der Nazi-Strukturen speziell in Niederbayern. Eingegliedert ins „Freie Netz Süd“ (FNS) hat das „Nationale Bündnis Niederbayern“ (NBN), das Nazi-Gruppen aus ganz Niederbayern vereint, seit seiner Gründung innerhalb kürzester Zeit bedrohlichste Aktivität und riesiges Mobilisierungspotential geschaffen. Das NBN erstreckt sich von Straubing  über den bayerischen Wald bis Landshut und Passau sowie nach Österreich, speziell nach Schärding.

Im Chor forderten Nazis und Bild-Zeitung die Abschiebung der „U-Bahn-Schläger“, als gäbe es einen direkten Zusammenhang zwischen deren sog. „Migrationshintergrund“ und der Gewalttaten. Als vor ein paar Monaten aber Schüler mit dt. Pass an der S-Bahn-Station Solln in München einen Rentner in den Tod prügeln, fordert ein Großteil der Öffentlichkeit dann eben mehr Videoüberwachung, tauscht strukturelle Ausländerfeindlichkeit gegen Überwachungswahn. Doch wenn letztendlich der Neonazi Peter Rausch am 28. April in der Nürnberger U-Bahn (Station Plärrer) einen Antifaschisten mit einem solchen sog. „Migrationshintergrund“ fast tot schlägt, so wird nicht die offensichtlich gewordene Gefahr, die von Neonazis ausgeht, thematisiert oder Initiative gegen erstarkende neonazistische Strukturen ergriffen, sondern über den Übergriff, den Täter und deren politischen Hintergrund nur mager berichtet. Die Aufnahmen von der Tat, die mit Hilfe der heiligen Überwachungskameras gemacht wurden, verschwinden und die Polizei hält gezielt Namen und politischen Hintergrund des Täters zurück, um vor dem ersten Mai „kein Öl ins Feuer zu gießen“ (Polizeisprecher Peter Schnellinger).

Und so liefen die Nazis wieder am ersten Mai; In Bayern feierten sie ihren Marsch in Schweinfurt als „Zeichen der Geschlossenheit“. Nachdem lange untergetaucht und zunächst in anderen Bundesländern wieder aufgetaucht ließ sich Gottfried Küssel in Schweinfurt blicken. Es gilt abzuwarten, welchen Platz der in der Nazi-Szene hoch Geachtete neben Fischer (Fürth) im FNS und neben dem auf Bewährung freigelassenen Strohmeier (Drachselsried/Regen,Viechtach) im NBN einnehmen wird.

Und so laufen sie auch heute, am 8. Mai, durch z.B. München und Cham, und stellen am Tag der Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus D-land als Opfer und die Alliierten als Kriegsverbrecher dar. Und wenn auch nicht alle bei den Nazis mitlaufen, so ist dieser Gedanke genauso in der sog. „Mitte der Gesellschaft“ verankert. In D-land wurde der 8. Mai weder im Jahre 1945 noch in den darauf folgenden Jahrzehnten als ein Tag zum Feiern verstanden. Denn den 8. Mai als Tag der Befreiung feiern zu können setzt voraus, den Nationalsozialismus als Verbrechen anzuerkennen sowie einzugestehen, dass die eigenen Eltern und Großeltern zumeist keinen Widerstand geleistet haben und eine Intervention von außen notwendig wurde. Die „gefallenen Kameraden“ zu betrauern und von alliierten Kriegsverbrechen zu sprechen, wird objektiv zu Farce, wenn mensch sich das dt. Projekt von Krieg, Eroberung und Vernichtung bewusst macht.

Und dass dieses Projekt nicht zu reduzieren ist auf Auschwitz, Dachau und Mauthausen, sondern dass es auch von den eigenen Verwandten vor der eigenen Haustür voran getrieben wurde, will mensch sich nicht eingestehen. Welch Aufwand wird im Rahmen des Geschichtsunterrichts betrieben, um den Schüler_Innen über die Verbrechen in den bekannten KZ’s zu berichten, sie klassenweise durch die Vernichtungsanlagen und den Steinbruch des KZ Mauthausen zu schleusen. Ein unheimlich und keineswegs zu vernachlässigender Unterrichtsinhalt, doch hört mensch als Schüler_In in Passau niemals etwas über die Kriegsverbrechen in Passau zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Geschichtsunterricht versäumt die Schaffung einer regional bezogenen Kenntnis, über die KZ’s im Raum Passau (zB. in Hacklberg und Tiefenbach),  über die Verfolgung und Ausbeutung von Juden und Jüdinnen in Passau oder über die Morde an hunderten russischen Kriegsgefangenen im Hofe des heutigen Nikola-Klosters, am Passauer Güterbahnhof, im Neuburger Wald, in Pocking und an etlichen anderen Stellen im Raum Passau.
Als das Lager Hacklberg am 25. April 1945 geräumt wurde, brachen Landesschützen mit über 100 russischen Kriegsgefangenen Richtung Sulzbach am Inn auf. Auf ihrem Weg entlang des Inns über Apfelkoch in Richtung Neuburg erreichte die Kolonne in den Abendstunden den Neuburger Wald. Am frühen Morgen des 26. April ermordete ein SS-Kommando die russischen Gefangenen im Neuburger Wald. Sie wurden gezwungen, im Wald Gräber auszuheben und die bereits Ermordeten zu beerdigen. Einige noch am Leben gelassene wurden später auf der „Auer-Wiese“ in der Innstraße erschossen und anschließend in den Inn geworfen. Ein einziger russischer Kriegsgefangener entging dem Mord: Angeschossen stellte er sich tot, wurde oberflächlich beerdigt. Er war es, der später überhaupt auf das Massaker im Neuburger Wald aufmerksam machte. Daraufhin fand mensch 107 Leichen russischer Kriegsgefangener im Neuburger Wald; wie viele nicht gefunden wurden, kann niemenschd sagen.

Morde an der Innstraße: Mehr als 700 russische Kriegsgefangene wurden hier ermordet und die meisten von ihnen oft nur angeschossen in den Inn geworfen.

Morde an der Innstraße: Mehr als 700 russische Kriegsgefangene wurden hier ermordet und die meisten von ihnen oft nur angeschossen in den Inn geworfen.

Am 28. April ging im Lager Tiefenbach der Befehl ein, sämtliche Gefangene in die Gegend von Sulzbach am Inn zu transportieren. Noch bevor Fahrzeuge und Treibstoff zur Verfügung gestellt wurden erschien am 29. April gegen 18 Uhr ein Auto mit mehreren angetrunkenen SS-Männern, die den Zugang zum Lager Tiefenbach absperrten und kurz darauf mit den Gefangenen durch den Wald in Richtung Gaißamühle abmarschierten und diese dann erschossen. Die Leichen fand mensch Tags darauf in einem im Wald gelegenen Wasserleitungsgraben.
Anna Rosmus untersucht und beschreibt diese und etliche weitere Kriegsverbrechen sowie das Schicksal von Juden und Jüdinnen in Passau und Umgebung in ihren Werken. Bei ihren Nachforschungen stieß sie auf Widerstände. Drei Jahre lang bekam sie keine Einsicht in die Personalakte des NS-Oberbürgermeisters Max Moosbauer, bis sie sich die Akteneinsicht vor Gericht erstritt. Dabei kam zum Vorschein, dass zahlreiche führende Passauer Persönlichkeiten aktive Nationalsozialisten gewesen waren. Daraufhin von der Passauer Öffentlichkeit als Nestbeschmutzerin angefeindet, wobei ihr mit Mord gedroht und Molotow-Cocktails durch ihre Wohnzimmerfenster geworfen wurden, emigrierte sie 1994 in die USA. Sie schreibt in ihrem Buch „Wintergrün“ z.B. über ein Arbeitskommando russischer Zwangsarbeiter_Innen, das während eines Bombenalarms gerade durch die Passauer Ludwigsstraße getrieben wurde. Die Bewacher liefen in den Luftschutzkeller und überließen die Gefangenen sich selbst. Diese standen zwischen der Bäckerei Hoft und dem Hotel „Schwarzer Ochse“, dessen Besitzer ein bekannter SS-Mann war. Bei Hoft wurden während des Alarms ein paar Laibe Brot, aus den Töpfen des Hotels einige Knödel entwendet. Es hieß: „Das werden wohl die Russen gewesen sein!“ (Niemenschd sprach dagegen davon, dass der Laden der Bäckerei Hoft bis kurz davor jüdischen Besitzer_innen gehört hatte. Der Kaufmann Alfred Bernheim und seine Frau Berta waren zwangsenteignet und splitternackt von der SA durch die Straßen Passaus gejagt worden, ehe sie, vollkommen mittellos, nach Palästina emigrieren „durften“.) Die russischen Kriegsgefangenen wurden zur Sommer-Kaserne, dem heutigen Nikola-Kloster, geführt und im Hof standrechtlich erschossen. Ein Denkmal aus Granit erinnert dort an die dt. Gefallenen. An die Ermordung der Russ_Innen erinnert nichts. Sie gelten heute wie damals als Verbrecher_Innen und sind vergessen.

Angesichts des fast ausbleibenden Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus muss mensch doch mit jedem Denkmal für die gefallenen Kameraden, und mit jedem Gedenken an die dt. Kriegsopfer, sei es am Volkstrauertag, im Februar in Dresden, am 8. Mai oder sonst wann, das Kotzen bekommen. Es sind verabscheuungswürdige Gedenken an Täter_Innen, die zu „Opfern“ verklärt werden. Bei Bombenangriffen umgekommene Zivilist_Innen in den dt. Metropolen sind ebenfalls Opfer des Nationalsozialismus! Wird am Volkstrauertag in Passau Stadt und den umliegenden Gemeinden von Burschenschaften, Reservisten und vielen anderen den gefallenen Kameraden gedacht, so werden dabei diejenigen betrauert, die im Neuburger Wald, in Tiefenbach, im Nikola-Kloster und bei vielen weiteren nicht aufgedeckten Verbrechen im Sinne der nationalsozialistischen Faschismus-Ideologie Menschen ausbeuteten, quälten und ermordeten.

In so gut wie jedem Dorf in Niederbayern gibt es ein Krieger- oder Heldendenkmal; Denkmäler für die Opfer des Nationalsozialismus hingegen sind die Seltenheit. Und die wenigen, die es gibt, werden regelmäßig verunstaltet, so z.B. das Denkmal an der Innpromenade in Passau, das mal mit Hakenkreuzen, mal mit Sprühereien („Weg mit dem Denkmal“) verunstaltet wird.

Nazis verunstalteten des Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus an der Innpromenade in Passau mit Hakenkreuzen und Parolen.
Nazis verunstalteten des Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus an der Innpromenade in Passau mit Hakenkreuzen und Parolen.

Und so trauern heute nicht nur Nazis in München, oder wie das NBN in Cham, um dt. Täter. Und so organisieren sie sich immer enger in immer größerer Zahl, sind längst mit ihren Demonstrationen und Flyer-Aktionen alltäglicher Bestandteil des öffentlichen Lebens in Niederbayern, wo sie sich nicht mal mehr zu verstecken brauchen. So wie Neonazis aus dem Umfeld des NBN in Straubing auf öffentlicher Straße Antifaschist_Innen attackierten oder in den letzten Wochen mehrfach Pläne schmiedeten, antifaschistische Kundgebungen gewaltsam zu überfallen, so häufen sich die gewaltsamen Übergriffe von Neonazis auf Andersdenkede in Fürth und so prügelte Peter Rausch letzte Woche einen Menschen fast tot.

Wir feiern den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus.
In Fürth und Nürnberg finden am 8. Mai 2010 Kundgebungen und Demonstrationen anlässlich der Gewalttaten in den letzten Wochen statt. Am 29. Mai sind hierzu vor dem „fight back“-Festival Großdemonstration in Fürth und Nürnberg geplant.

Oma, Opa und Hans-Peter: Keine Opfer, sondern Täter!

stay tuned. [aapa]


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