Verfasst von: [aapa] | 11. November 2008

Aktion zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht

In Passau hielt der Holocaust-Überlebende Ralph Giordano am 9.11.08 einen bewegenden Vortrag zum Thema „Es begann nicht am 9. November 1938“. Diese Veranstaltung von der Stadt hob sich doch deutlich von den Gedenkfeiern der letzten Jahre ab, die meist an reine „Pflichtveranstaltungen“ erinnerten. Nach der Veranstaltung verteilten AktivistInnen der Antifaschistischen Aktion Passau [aapa] Flyer:

Gegen jeden Antisemitismus!

Am heutigen Sonntag jährt sich zum siebzigsten mal die Reichspogromnacht.. Diese stellte den Auftakt zu einer historisch beispiellosen Judenverfolgung dar. Allein vom 7. bis 13. November 1938 wurden dabei hunderte Menschen ermordet oder in den Tod getrieben. Was folgte waren grausame Deportationen von Jüdinnen und Juden in die Konzentrationslager und deren massenhafte Vernichtung. Spätestens dann wurde deutlich welches Ausmaß an Gräueltaten die deutsche Volksgemeinschaft bereit war zu begehen. Während die Nazis Synagogen in Brand setzend und Menschen folternd durch die Straßen zogen, zeichnete sich der Großteil der nicht direkt an den Pogromen beteiligten deutschen Bevölkerung durch Wegschauen und Tatenlosigkeit aus. In der deutschen Nachkriegszeit bestand in der Bevölkerung auch kein großes Interesse daran, sich mit den Verbrechen und der Schuld der Deutschen auseinander zu setzen. Kollektive Verdrängung statt Aufarbeitung sorgte dafür, dass frühere Nazieliten führende Positionen in der BRD besetzten und Antisemitismus und Rassismus weiterhin zur deutschen Alltäglichkeit gehörten. Das Pogromstimmung in Deutschland jederzeit möglich ist zeigten die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 oder zahlreiche Brandanschläge auf Asylbewerberheime verstärkt nach der deutschen Wiedervereinigung. Selbst heute ist Antisemitismus präsent. So halten 13,3 % der Deutschen den „Einfluss der Juden für zu groß“ , 10,6 % sind davon überzeugt, dass Juden „eigentümlich“ sind und „nicht zu uns passen“ (vgl. Studie der Friedrich Ebert Stiftung). Noch offener hetzen Neonazis und der politische Islam die oftmals keinen Hehl aus ihrer Absicht machen, Jüdinnen und Juden oder den Staat Israel vernichten zu wollen. Trotz dieses in der deutschen Gesellschaft weit verbreiteten Antisemitismus, gibt es von offizieller Seite doch (oftmals halbherzig betriebene) Bemühungen, sich mit diesem Problem auseinander zu setzen. So lädt auch die Stadt Passau am heutigen Tag zu einer Gedenkveranstaltung und einem Vortrag des Holocaust-Überlebenden Ralph Giordano. An seiner Person wird deutlich was passiert wenn sich Jüdinnen und Juden in die öffentliche Debatte einmischen. Seine Äußerungen zum Moscheebau in Köln lösten eine Welle der Empörung aus und ließen ihn als Rassisten und Schlimmeres erscheinen nur weil er sich islamkritisch geäußert hatte.

Wie ernst gemeint das antifaschistische Engagement der Stadt Passau ist, lässt sich anhand ihrer Einladung zur Gedenkveranstaltung erahnen. Wochenlang waren die Verantwortlichen nicht einmal in der Lage das Wort „Holocaust“ auf ihrer Homepage richtig zu schreiben(„Holocoust“). Auch nach der Beerdigung des Alt-Nazis Friedhelm Busse in Passau bei der mehre Menschen durch rechtsradikale Übergriffe verletzt wurden war der Oberbürgermeister Jürgen Dupper nicht bereit sich das skandalöse Fehlverhalten der Polizei einzugestehen. Dadurch, dass er den Polizeieinsatz als „großartig“ bezeichnete versuchte er einen Imageschaden an der Dreiflüssestadt abzuwenden und die vollkommen berechtigte Kritik des Zentralrats der Juden von sich zu weisen. Wie gefährlich solch eine Verharmlosung des Problems Rechtsextremismus ist scheint er entweder nicht zu erkennen oder billigend in Kauf zu nehmen.

Wir möchten hiermit an alle Menschen in und um Passau appellieren die Vergangenheit endlich aufzuarbeiten und sich aktiv gegen jede Form von Antisemitismus und Rassismus zu Wehr zu setzen und den Opfern des Nationalsozialismus würdig zu gedenken.

Antifaschistisches Engagement öfter als nur einmal im Jahr!

Solidarität mit allen Opfern von Antisemitismus!

Individualität und Emanzipation statt deutscher Volksgemeinschaft!

Antifaschistische Aktion Passau [aapa] zum 70. Jahrestag der Reichpogromnacht
http://www.aapa.de.vu


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